Helmut Jacobs: Rede zum 01. Mai in Wilster am Ehrenmal
geschrieben von spd-net am 01.05.2013, 19:18 Uhr


Am 14. Juli 1889, dem 100. Jahrestag des Sturmes auf die Bastille in Paris, wurde der Tag der Arbeit zum Feiertag des arbeitenden Menschen erklärt. Ein Jahr später, am 1. Mai 1890, beschloss der in Paris tagende internationale Arbeiterkongress, einen Weltfeiertag der Arbeit einzuführen. Heute feiern die Arbeiter in aller Welt den 1. Mai als Tag der Arbeit. Als dieser Tag eingeführt wurde, wollten die Gewerkschaften und die allgemeine politische Arbeiterbewegung bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen erkämpfen.



Damals führten die Arbeiter einen Kampf um ein menschenwürdiges und gesichertes wirtschaftliches Dasein. Es ging um das Recht des Arbeiters, als Mensch leben zu können. Die Forderungen, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Fahnen der Arbeiterbewegung standen, sind heute längst erfüllt. Was man damals noch gar nicht zu fordern wagte, ist heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wie stolz wären wohl die Vorkämpfer der Arbeiterbewegung, wenn sie wüssten und erlebt hätten, dass heute in der Regel weniger als 40 Stunden an 5 Tagen in der Woche gearbeitet wird. Wie stolz wären sie, wenn sie wüssten, dass es bereits seit vielen Jahrzehnten Mutterschutz und Kinderarbeitsverbot gibt. Wie stolz wären sie, wenn sie wüssten, dass es schon längst Kündigungsschutz gibt und der Arbeiter nicht mehr recht- und schutzlos den Widrigkeiten  des Lebens ausgesetzt ist. Vieles ist erreicht. Aber auch heute gibt es große Unterschiede zwischen arm und reich und die Schere klafft auseinander. Darum wird in vielen Teilen Deutschlands weiter für eine Beendigung der Umverteilung von unten nach oben gestreikt.  Ohne Streiks gäbe es keine Errungenschaften für die arbeitende Bevölkerung. Allerdings finden diese kaum Verständnis bei der Bevölkerung. Schon gar nicht, wenn man wegen eines Streiks stundenlang auf sein Flugzeug oder auf den Zug warten muss. Wer durch den Streik selbst betroffen ist und Nachteile einstecken muss,  ist  leicht geneigt, über diesen Arbeitskampf zu schimpfen. Das Wort Solidarität tritt immer mehr in den Hintergrund.  Wenn aber die Arbeiter  an der Entwicklung einer Einkommenserhöhung teilhaben möchten, dann gibt es zum Streik keine Alternative. Während die Unternehmensgewinne stetig wachsen, sind die Löhne teilweise so niedrig, dass man kaum davon leben kann.



 Ich möchte  kurz 120 – 130 Jahre in unsere Stadtgeschichte zurückzuschauen. Etwa 1880 – später als in vielen anderen Städten – entwickelten sich in Wilster  Industriebetriebe. Die Lederfabriken in Landrecht und Rumfleth beschäftigten jeweils mehrere hundert Arbeiter und Arbeiterinnen. Ein sehr guter Verdienst eines Arbeiters in der Lederfabrik lag bei etwa 120 Mark monatlich, bei 63 Stunden Arbeit in der 6-Tage-Woche. Männer arbeiteten in der Regel 10,5 Stunden und Frauen 9,5 Stunden am Tag. Die  Miete betrug etwa 15 Mark im Monat. 1 Kilo Rindfleisch kostete 1,20 und 1 Kilo Schweinefleisch 3,20 Mark und  1 l Bier 0,45 Mark. Im Jahre 1899 blickte ganz Deutschland nach Wilster. Zum ersten Mal hörte man von der kleinen Marschenstadt. Die Lederarbeiter, die durch lange, harte, gesundheitszehrende und schmutzige Arbeit zur Blüte der Lederfirmen beigetragen hatten, machten auf sich aufmerksam. Sie streikten für höhere Arbeitslöhne und kürzere Arbeitszeiten. Die Fabrikanten lehnten die Forderungen ab, weil angeblich die Bilanzen schlecht seien. Die Arbeiter aber sahen die prunkvollen Villen und die großen Feste der Fabrikanten. Sie konnten das nicht glauben.  Es war der erste Streik im Deutschen Reich, der mehrere Monate dauerte. Er dauerte mit Unterbrechungen von April bis November und geriet in die Schlagzeilen der Presse im ganzen Deutschen Reich. Die Streikenden erhielten zwar Unterstützung aus der Streikkasse des gewerkschaftlichen Verbandes, aber das Geld reichte nicht, weil es nur etwa ein Drittel des normalen Verdienstes ausmachte. In ganz Deutschland wurde für die Streikenden gesammelt. Selbst in Wilster wurde von den Gewerbetreibenden und Kaufleuten unter dem Siegel der Verschwiegenheit für die Arbeiterfamilien gesammelt, denn diese waren ihre Hauptkunden. Bei Falk und Schütt streikten 350 Mann. Der Fabrikant Böhme solidarisierte sich mit Falk und Schütt und entließ 260 von 310 Arbeitern. Er begründete die Entlassung mit einer schlechten Konjunktur. Beide Lederfabrikanten versuchten heimlich Polen in Arbeit zu bringen. Dieser Versuch scheiterte, weil die Streikenden die Neuankömmlinge am Stadteingang mit Flugblättern und Briefen in polnischer Sprache überzeugen konnten, die Arbeit nicht aufzunehmen. In dieser Zeit war Georg Fürchtegott Zülch Bürgermeister von Wilster. Er war dieses von 1897 – 1902 und wirkte danach 30 Jahre zunächst als Bürgermeister und dann als Oberbürgermeister von Allenstein. Zülch hat bei dem Streik vermittelt und sich sehr auf die Seite der Arbeiter geschlagen. Möglicherweise hat er unangenehme Ausschreitungen verhindert. Der Streik hatte für die Arbeiter übrigens nichts gebracht. Die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Fabrikanten war ungeschwächt geblieben. Der Ledermarkt lief ohnehin gerade ungünstig, so dass sich die Firmen beim Streik besser standen, weil sie keine Löhne zu zahlen hatten.



Liebe Kolleginnen und Kollegen, Gedenken heißt Erinnern. Wir stehen hier heute am 1. Mai am Denkmal im Stadtpark nicht nur um an Arbeitskämpfe zu erinnern. In Wilster ist es seit langem Tradition, den 1. Mai als Tag der Besinnung zu begehen. Wir stehen hier, um insbesondere der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken. Fast sieben Jahrzehnte sind seit dem letzten Krieg ins Land gegangen und die schmerzlichen Wunden, die dieser Krieg in jeder Familie geschlagen hat, sind fast schon vernarbt, ja vergessen. Die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten hatte uns über 50 Millionen Tote beschert. Die Menschen wurden dahingerafft entweder auf dem Schlachtfeld, durch Bomben, durch Gittern und Stacheldraht oder in der Gaskammer. Wir sind alle verpflichtet, uns unermüdlich dafür einzusetzen, dass so etwas nie wieder passiert. Damals gab es eine Weltwirtschaftskrise, es herrschte große Parteienverdrossenheit und es gab über 6 Mio. Arbeitslose. Wie man aber heute weiß, waren es nicht die Arbeitslosen, die die Nazis wählten. Es waren Millionen von Handwerkern, Landwirten, Gewerbetreibenden und Kleinkaufleuten. Sie fielen auf jeden Schwätzer herein, der ihnen die Wiederherstellung des goldenen Bodens durch den Kampf gegen Juden und Warenhäuser, gegen Börse und Gewerbefreiheit und gegen den Bolschewismus versprach. Man sah häufig im Nationalsozialismus ein kleineres Übel. Die Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland war eine „Zustimmungsdiktatur“. Widersetzt hatten sich ihr nur wenige. Die Nationalsozialisten waren mit ihren politischen Gegnern 1933 schnell fertig geworden; die numerisch mächtigen Organisationen der Arbeiterbewegung waren schnell zerschlagen, ihre Funktionäre wurden inhaftiert und terrorisiert. Am 2. Mai 1933 wurden die Gewerkschaftshäuser von der SA besetzt und das Gewerkschaftseigentum beschlagnahmt. Wie bekannt, waren die Nationalsozialisten von der Wirtschaftskonjunktur begünstigt. Sie begannen in der Erholungsphase nach der Weltwirtschaftskrise und sie sorgten für enorme Binnennachfrage, indem sie die kleine vorhandene Berufsarmee zu einer gewaltigen Militärmaschine ausbauten. Dass die Grundrechte der Weimarer Reichsverfassung durch die sogenannte Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 beseitigt worden waren, ist damals auf keinen nennenswerten Widerspruch gestoßen. Die vielen schnell improvisierten Konzentrationslager und die in ihnen verübte Gewalt haben damals ebenfalls keinen bemerkbaren öffentlichen Protest hervorgerufen. Auf der Linken schwieg man aus berechtigter Angst. Viele aus dem rechten Teil des politischen Spektrums sahen es mit Genugtuung, dass es den Arbeiterparteien an den Kragen ging. In Wilster wurden im Juni 1933 die Arbeiter und Sozialdemokraten Hermann Krüger vom Rumflether Deich und Friedrich Landsberger aus der Vereinsstraße von Nazis festgenommen und unter Trompeten und Fanfaren durch Wilster getrieben. Sie mussten dabei ein Schild um den Hals tragen, auf dem es hieß: Ich bin ein Betrüger an der Stadt Wilster und am deutschen Volk. Willkürliche Verhaftungen, die sogenannte Schutzhaft, von Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftlern und Andersdenkenden, öffentliche Demütigungen, Verhöre, Gewalttaten und Isolation waren Mittel der Nazis, die politischen Gegner zu verfolgen.    Folgende Funktionsträger der Parteien SPD und KPD bzw. der Gewerkschaftsbewegung aus Wilster sind Insassen des Konzentrationslagers Glückstadt gewesen: Bauarbeiter Johannes Jacobs (KPD), Lehrer Bruno Lange (SPD), Zimmermann Karl Lühr (KPD) Gerbereiarbeiter Martin Lühr (KPD), Arbeiter Otto Raatz (KPD), Schiffer Peter Schelig (KPD). Der Maurer Hans Prox war SPD-Ortsvorsitzender und Stadtverordneter. Er lebte mit seiner Familie in der Haackstraße. Er wurde am 8. März 1933 auf dem Wilsteraner Marktplatz festgenommen.  Er sollte angeblich Material bei sich geführt haben, dass die Sicherheit des NS-Staates  gefährdete. Gegen 14.00 kam er zunächst wieder frei. Am 10. Mai 1933 wird in der Gaststätte meines Großvaters das SPD-Vermögen beschlagnahmt. Es verschwanden zwei SPD-Schränke und ein SPD-Aushangkasten. Am selben Tag fanden Hausdurchsuchungen bei Markus Tiedemann (Rumflether Deich), Otto Führer (Haackstraße), Hans Prox (Haackstraße), Franz Hinrichs (Landrecht), Nikolaus Nottelmann (Deichstraße) und bei Heinrich Heutmann (Bischofer Deich) statt. Am 24. Juni 1933 meldete Bürgermeister Küster, der Mitglied der NSDAP war,  dass die Sozialdemokraten O. Führer, H. Prox, H. Führer, F. Hinrichs, M. Tiedemann und B. Gloy noch nicht in Schutzhaft genommen worden seien. Sie müssten sich aber täglich zweimal (vormittags 10 Uhr und nachmittags 16 Uhr) auf der Polizeiwache melden. Wegen der Rüstungsausgaben war das Reich 1938 dermaßen verschuldet, dass ein Staatsbankrott normalerweise unabwendbar war. Dazu ist es nicht gekommen, weil Hitler den Überfall auf Polen befahl, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Erfolge der Blitzkriegsstrategie unterwarfen viele Länder Europas und Afrikas deutscher Besatzungsherrschaft. Die wurde dazu genutzt, die finanziellen Belastungen des Krieges abzuwälzen und Lebensmittel und andere Güter nach Deutschland einzuführen. Die Deutschen hatten es materiell gut in den ersten Kriegsjahren. Als sich die militärischen Misserfolge häuften und das 1000jährige Reich unterzugehen drohte, wurde das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler versucht, das – obwohl von Generalstabsoffizieren geplant, dilettantisch durchgeführt wurde und scheiterte. Die Folgen waren auch in Wilster zu spüren. Himmler ordnete die „Gewitteraktion“ an, um den Verschwörern mögliche Kooperationspartner in den Regionen und Gemeinden zu entziehen. Alle ehemaligen Mitglieder von Kommunalparlamenten der Parteien Zentrum, SPD und KPD, die nicht inzwischen der NSDAP und ihren Untergliederungen beigetreten waren,  wurden in Konzentrationslager eingeliefert. Dazu gehörte Hans Prox. Er wurde verhaftet und in das Konzentrationslager Neuengamme gebracht, wo er am 3.2.1945 verstarb. Die Wilsteraner Sozialdemokraten haben Anfang der 50er Jahre durchgesetzt, dass die Straße „Hinter der Stadt“ in „Hans-Prox-Straße“ umbenannt wurde. Ich möchte aber auch an einen anderen Wilsteraner erinnern, der in einem KZ ermordet worden ist. Heinrich Bielenberg war Jehovas Zeuge und wurde aus religiösen Gründen verfolgt. Er wurde am 24. Februar 1940 im KZ Sachsenhausen ermordet. Sein Tod fällt in eine Zeit im Winter, in der die Nazis das gesamte Lager tagelang ohne Bekleidung hatte antreten lassen, weil ein paar Häftlinge geflohen waren. Die Folge war in Sachsenhausen eine Welle schwerer Erkrankungen, die die Zahl der Todesopfer stark hochschnellen ließ. Die Urnenbeisetzung von Bielenberg erfolgte im April 1940 ohne kirchliche Mitwirkung in Wilster. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum Schluss. Ich bin 1946 geboren und habe immer im Frieden gelebt. Ich hatte Glück. Das hatten mein Vater nicht, mein Großvater nicht und auch mein Urgroßvater nicht. Ich bin sicher, dass die Mehrheit der Menschen in unserem Lande Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ablehnt. Aber ich denke: Diese Mehrheit ist zu leise. Wir sollten uns immer fragen: Tun wir genug, um Krieg, Gewalt und Terror heute  und für die Zukunft zu vermeiden?



Foto: J. Kock



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